Auf Bali fährt man links

 

Auf Bali herrscht zu achtzig Prozent Linksverkehr. Wir Europäer sind Linksverkehr nicht gewohnt, denn in ganz Europa, mit Ausnahme einiger Inseln im Nordwesten, fährt man rechts. Als letztes Land auf dem europäischen Kontinent stellte Schweden von links auf rechts um. Die Briten haben diesen evolutionären Schritt nicht mitgemacht. Trotzdem ist es nicht schwierig, in England Auto zu fahren. Einmal blickte ich nach dem Rechtsabbiegen, was dem Linksabbiegen auf dem Kontinent entspricht, auf die fliegenverklebten Schweinwerfer eines großenTrucks, aber sonst habe ich auf Englands Straßen nichts dramatisches erlebt, mal abgesehen vom Montagmorgen-Stau im Raum London.

Nein, schwieriger als das Autofahren in England ist das Autofahren in Frankreich, namentlich in Paris. Der Verkehr ist hektischer, es gibt keine Verkehrsregeln und es hält sich auch keiner dran, denn man will ja voran kommen. Allerdings hat Frankreichs Straßenverkehr in den letzten Jahren etwas an Schrecken verloren. Wenn man dem Beifahrer oder einem kleinen Elektronikdingsbums die Navigation überlässt, ist es nur halb so wild. Sind die Franzosen gesitteter, bin ich chaos-resistent geworden? Schwer zu sagen. Als ich vor einigen Jahrzehnten das erste Mal in Paris war, traute ich mich nicht, Auto zu fahren. Ja, ich traute mich kaum, über die Straße zu gehen. Ich wartete, bis sich ein Pulk Franzosen auf halber Strecke zwischen zwei Ampeln zusammengerottet hatte und losstürmte. Ich hielt mich auf der verkehrsabgewandten Seite des Pulks, in Auto-Lee sozusagen.

Vom Verkehr in Kairo wollen wir hier nicht reden, man überlässt dort das Fahren am besten Leuten, die es nicht anders kennen und eine Diskussion auch auf Arabisch durchstehen können. In Paris, Athen, Kairo und Rom gilt interessanterweise Paragraph 1 der deutschen Straßenverkehrsordnung*, und noch erstaunlicher ist, dass sich alle daran halten, bis auf die Deutschen. Gefährde niemanden, fahr keinen an, der Rest ergibt sich.

Das Prinzip gilt weltweit und deshalb auch auf Bali. Bali ist eine gute Gegend, um deutsche Verkehrssünder Demut und Manieren zu lehren. Warum nur jugendliche Verbrecher mit ihren Betreuern auf Erziehungsreise ins Ausland schicken? Verkehrsrüpel mit 12 oder mehr Punkten in Flensburg sollten umgehend nach Bali geschickt werden, und zwar in den Ballungsraum Kuta – Denpasar – Sanur. Selbst wenn sie dort sterben, was nicht sehr wahrscheinlich ist, wäre das nicht weiter schlimm. Sie würden ja wiedergeboren, zum Beispiel als Blindschleiche, und das so oft, bis ihre Seele den Zustand der Vollkommenheit, das Nirwana, erreicht hat. (Ledige Mütter zum Beispiel kehren im nächsten Leben ausnahmslos als Schwarze Hängebauchschweine wieder, was das Führen eines Kraftfahrzeugs für diese Runde ausschließt.) Auf Bali, lasse ich mir sagen, haben sie getrennte Friedhöfe für Selbstmörder, Unfallopfer und eines natürlichen Todes Gestorbene. Bei den Ausländern sei das, hahaha, manchmal nicht so genau zu unterscheiden.

In Deutschland bedeutet Hupen meistens "Nun fahr schon du Arsch oder sollen wir hier anwachsen!!!" oder "wenn du Idiot nicht noch bei Dunkelorange auf die Kreuzung gefahren wärest käme man hier jetzt durch". Sonntag nachmittag bedeutet ein kurzes Tippen auf die Hupe natürlich "Tschüs, schönen Dank für den Kaffee, bis nächsten Sonntag". Auf Bali (und in der deutschen Straßenverkehrsordnung) bedeutet Hupen nur "Vorsicht!". Es ist ein Warnsignal für die Mopedfahrer, die die Lücken zwischen den Autos ausfüllen. Der englische Schriftsteller Douglas Adams hat die Mopedfahrer auf Bali einmal als Kamikazes bezeichnet, aber der Vergleich ist schief, denn Kamikazes (kami kaze, jap.: Göttlicher Wind) stürzen sich mutwillig in den Tod, und das tun die balinesischen Mopedfahrer nicht. Würden sie sonst Frau und Kinder nebst Gepäck mit aufs Kleinkraftrad nehmen?

In den Augen der Balinesen neigen die meisten Westeuropäer, besonders die Deutschen, zum Selbstmord. Beispielsweise rasen Deutsche mit 75 km/h ohne zu hupen an einer Straßeneinmündung vorbei, aus der jederzeit eine Familie auf einem Moped kommen könnte. Deutsche Autofahrer werden bereitwillig zu Märtyrern für einen Glauben, dessen Hauptgötzen Ampeln und Stoppschilder sind, solange an ihrem Grabe nur bekannt wird: "Er hatte Vorfahrt und der andere war schuld." Auch auf Bali kennt man Fahrbahnmarkierungen und Ampeln, aber man hält dergleichen eher für Anregungen. In Denpasar käme niemand auf die Idee, nachts an einer roten Ampel stehen zu bleiben, wenn weit und breit kein Auto kommt, allenfalls ein paar Mopeds. Es käme auch niemand auf die Idee, an einer Straßeneinmündung so dicht vorbeizufahren, dass niemand von dort einbiegen kann.

Wenn Sie auf Bali den Führerschein machen (50 Euro) oder dort fahren müssen – vielleicht weil Sie 12 Punkte in Flensburg haben oder weil Sie als balinesischer Mopedfahrer wiedergeboren wurden –, dann beginnen Sie mit Ihren Fahrversuchen am besten nachts. Fahren Sie niemanden an, das ist die einzige Regel, die wirklich zählt. Die anderen halten sich auch daran, sodass Sie vermutlich glimpflich davon kommen.

Wenn Sie tagsüber fahren, werden Sie feststellen, dass Ihnen ziemlich oft Leute entgegenkommen, und zwar nicht rechts, wo Sie sich darüber nicht weiter den Kopf zerbrechen würden, sondern links. Das ist die Seite, die Sie im Linksfahrerland Indonesien irrtümlich für Ihre Seite halten. Der Laster, der Ihnen auf seiner Seite (also links, von Ihnen aus gesehen rechts) entgegenkommt, wird nämlich todsicher von einem Kleinbus überholt, wennn Sie bereits das Weiße im Auge des Fahrers erkennen können. Beider Fahrer! Bekommen Sie jetzt keinen Herzinfarkt oder Wutanfall, Sie brauchen noch nicht zu sterben, sondern müssen nur Platz machen. Denn die Straße, auf der Sie fahren, ist nicht Ihre Straße, und Ihre Fahrspur nicht Ihre Fahrspur, und Ihre Seite nicht Ihre Seite. Das alles gehört Ihnen nicht. Der Verkehr zwischen Denpasar und Kuta folgt tagsüber den Regeln eines Wildbachs. Es ist irgendwie und irgendwo Platz für alle da. Die anderen kalkulieren den Raum, der Ihnen zum Ausweichen bleibt, in ihre eigenen Fahrmanöver ein. Wer auf sein Recht besteht, kommt darin um. Das ist das ganze Geheimnis.

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* Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht (§ 1 (1) StVO). Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird (§ 1 (2) StVO).