Wie Wetter funktioniert - für Seefahrer

Es gibt bereits unzählige Wetterbücher, und da allen Meteorologen in etwa dasselbe Wissen zur Verfügung steht, fragt man sich, wieso schreiben sie immer neue? Es hängt wohl damit zusammen, dass sie ihr Thema spannend finden (was für sie spricht), und dass sie meinen, dem Leser etwas liefern zu können, was es so bisher nicht gibt. Verlage produzieren die Bücher aus anderen Gründe: Entweder haben sie noch keines, dann brauchen sie eines, was auf Delius Klasing nicht zutrifft, die haben zwei Dutzend Wetter-Produkte. Oder sie folgen der alten Verlagsregel: Wo sich zehn Bücher zu einem Thema verkaufen, verkauft sich auch das elfte. Was auf Schraders „Wetterbuch“ zutrifft, es erscheint inzwischen in der dritten Auflage.

 

Schraders „Wetterbuch“ ist das sechste oder siebte, das innerhalb weniger Jahrzehnte den Weg in mein Bücherregal gefunden hat. Darunter sind Klassiker wie Watts Wolkenfibel und Coles‘ „Schwerwettersegeln“, beides absolute Praktiker-Bücher. Schraders Buch halte ich aus einer Reihe von Gründen für empfehlenswert: Es ist klar und knapp geschrieben, und es enthält eine Unmenge von Informationen, die nicht zum Standardwissen eines meteorologisch interessierten Seglers zählen. , Es ist durchwoben von physikalischen Fakten, die den Leser verstehen lassen, warum etwas so ist, wie es ist. Warum eine sehr hohe Wolke beispielsweise den Wind umschlagen lassen kann, und auf welcher Seite der Wolke man besser durchkommt… Welche Rolle die Schwerkraft bei einer Schwarzen Bora spielt…

 

Ich hatte das Buch erst ein paar Tage, als ich gegen einen stürmischen Südwind von Helgoland zur Elbe segelte. Dank Schraders Buch verstand ich nun, warum die Böen vor einer Wolke besonders heftig über uns herfielen, nach Durchzug der Wolke der Wind abflaute (was natürlich nicht von Dauer war) und warum ich vor der Elbmündung einen Schlag zur Westseite der Wolke hätte machen sollen. Beim nächsten Mal werde ich’s noch geschickter anstellen.

 

Schraders Firma „Wetterwelt“ versorgt Großschiffahrt und Segler (und Bergsteiger, Bauern und Filmemacher) weltweit mit Wetteranalysen und -vorhersagen. Er hat deutsche America‘s-Cup-Segler ebenso beraten wie Olympiateams. Er liefert detaillierte lokale Wetterberichte für den Norddeutschen Rundfunk, und er und sein Team müssen sich täglich an der Qualität seiner Wettervorhersagen messen lassen. Wenn er Tankerkapitäne oder Freizeitskipper gut zwischen Orkantiefs hindurchlotst, dann kommen die wieder.

 

Dieser tägliche Bezug zur Praxis ist dem Buch anzumerken. Natürlich müssen auch hier erstmal die Grundlagen erklärt werden, die in keinem Wetterbuch fehlen dürfen. Also: was Luftdruck ist, was Fronten und Tröge sind, warum der Wind auf der Nordhalbkugel anders wirbelt als im Süden. Die ersten Kapitel sind ein physikalischer Crashkurs ohne all die Formeln und Algorithmen, die die wahre Welt der Meteorologie regieren. Auf diese erzählte Physik greift Schrader immer wieder zurück – anders kann man den Meltemi oder eine Schauerbö nicht verstehen. Und nebenbei erzählt er, wie er als Junge mit seinen Eltern vom Sturm eine Woche in einem Hafen festgehalten wurde, wo man an Bord seekrank wurde, und wie leicht sie dem Elend hätten entgehen können. Denn Schrader ist von Kindesbeinen an Segler, er ist mit der Familie und auf Regattayachten unterwegs.

 

Vom Wetter-Verstehen und Wetterbericht-Verstehen zur eigenen Interpretation vorhandener Information ist es ein weiter Weg. Wer zum Bord-Wetterfrosch werden will, der findet hier reichlich Lehrstoff.

 

Das „Wetterbuch“ ist in der bewährten Delius-Klasing-Sachbuch-Optik gemacht, also mit guten Zeichnungen und vielen aussagekräftigen Fotos (von denen einige wenige offenbar nicht mit voller Auflösung gedruckt sind). Wo liegen die Grenzen dieses Buchs? Es gibt ausführlichere, die 

 

Ein spannendes Wetterbuch, das in die Bordbibliothek gehört, weil man immer wieder etwas darin nachlesen will. Es steht zwar nicht drin, wie in den nächsten drei Tagen das Wetter wird, aber Sie werden es trotzdem wissen.