Vendée Globe Challenge 2012/13

Die spannendste Regatta der Welt

Bei der Vendée Globe sind 2012 zwanzig Schiffe am Start, deutlich weniger als beim letzten Mal (da hatten 28 gemeldet, es fuhren aber nicht alle los). Die Teams hinter den Einhandskippern sind noch besser geworden, die Konstruktionen ausgefeilter, die Vorbereitung intensiver. Die Seglerwelt kann sich auf ein spannendes Rennen freuen.

Hugo Boss mit Alex Thomson
Alex Thomson hat sich mit seiner "Hugo Boss" gründlich vorbereitet

Für ihren Begründer Philipe Jeantot war sie die schönste aller denkbaren Regatten. Für viele Seesegler ist sie ein unerreichbarer Traum. Das „Vendée Globe Challenge“, erstmals 1989 gestartet, wird uns von November bis Februar in Atem halten

 

Vor diesem Rennen haben alle Respekt, dies ist die einzige Herangehensweise, die Erfolg verspricht. „Um als Erster anzukommen, muss man erstmal ankommen“, weiß Mike Golding (51), der beim Velux 5 Oceans die obere Hälfte des Mastes und beim letzten Vendée Globe den ganzen Mast verlor. Damals führte er viel Tuch, um schnell zu sein, was sich in einer unerwarteten Bö als zu viel erwies. Der wahre Grund könnte aber das Auftauchen von Michel Desjoyeaux gewesen sein, der verspätet gestartet und nach einer fantastischen Aufholjagd wie ein Wolf in eine Herde Schafe eingebrochen war. „Bis der kam, war das hier eigentlich ganz vernünftiges Segeln“, sagte Golding später.

 

Auch Louis Burton (26) gibt sich zurückhaltend. „Ankommen, sich nichts tun und das Boot erhalten – das ist das Erste, worauf es ankommt.“ Fraglich, ob er in einer finsteren Nacht bei zunehmender Dünung vorsichtshalber refft, wenn ihm die anderen auf den Fersen sind. Gute 2000 Stunden dauert das Rennen, wer im Schnitt nur einen halben Knoten langsamer segelt, als er könnte, hat bis zur Zielgeraden 1000 Meilen verschenkt. Desjoyeaux gewann das letzte Vendée in 84 Tagen und 3 Stunden mit einem Durchscnitt von 14 Knoten, er war 5 Tage und 6 Stunden vor Armel le Cléac’h im Ziel. Diesmal ist Desjoyeaux, der jetzt Multihull segelt, nicht dabei. Die meisen dürften das begüßen.

 

Das Vendée Globe wird oft als der Mount Everest der Segelei bezeichnet. Für ihren Gründer Philippe Jeantot war sie die ultimative, „die schönste Regatta“. Die 27.000 Meilen lange Non-Stop-Regatta um die Welt ist die längste, die man sich einhand vorstellen kann. Start in Les Sable d’Olonne, die drei großen Kaps an Backbord lassen und zurück nach Les Sables – das ist die Segelanweisung. (Es wurden noch Wegepunkte eingefügt, damit die Segler dem antarktischen Eis nichtzu nahe kommen).

 

Der Vergleich mit dem Mount Everest hinkt insofern, als auf dem Berg heute organisiertes Massenbergsteigen mit Staus an den Engstellen betrieben wird. Auf dem Südozean gibt es keine Fixseile, keine Sherpas, kein Gedrängel und keine Basislager. Die Teilnehmer sind auf sich allein gestellt, auch wenn sie sich im Notfall gegenseitig beistehen – andere Hilfe ist meist viel zu weit entfernt.

 

Aber man ist eben nicht mehr allein wie früher: Funk und Ortungselektronik machen das Unternehmen zum kalkulierbaren Wagnis. Als Yann Elies sich beim letzten Rennen während eines Segelwechsels den Oberschenkel und mehrere Rippen brach, musste er zwar noch das Segel sichern, aber dann konnte er Hilfe rufen und auf Rettung durch die australische Fregatte HMS Arunta warten.

 

Jeder, der vom schnellen Segeln auf hoher See träumt, hat den geheimen Wunsch, einmal „das Vendée“ zu segeln. Allein, es bleibt meist beim Traum. Wer im oberen 6-stelligen Bereich Geld übrig hat und aufs normale Arbeiten verzichten kann, bringt die nötigen wirtschaftlichen Voraussetzungen mit. Die andere Möglichkeit: Profisegler werden, am Anfang für wenig Geld bei anderen mitarbeiten und eines Tages selbst Sponsoren überzeugen. Aber auch das ist den wenigsten gegeben.

 

Und dann ist nicht damit getan, das Boot heil um die Erde zu schippern. Dies muss auch schnell geschehen, wenn Leute wie Vincent „der Schreckliche“ Riou, Alex Thomson, Jean-Pierre Dick, Armel le Cléac’h, Kito de Pavant und Sam Davies mitsegeln.

 

Sam Davies (37) ist bei diesem Vendée die einzige Frau. Letztes Mal segelte sie mit ihrem neun Jahre alten Boot (das allerdings unter Desjoyeaux und Vincent Riou schon zweimal gewonnen hatte) als Neuling auf einen sensationellen 4. Platz. Die meist fröhliche Engländerin, die mit ihrem Mann in Frankreich lebt, ist so selbstbewusst wie vorsichtig: „Ich will besser sein als beim letzten Mal, das heißt, ich will diesmal aufs Podium. Aber dafür muss ich erstmal wieder nach Les Sables kommen. Ich werde meine Grenzen und die meines Bootes respektieren.“ Im Frühjahr segelte sie eine Trainingsregatta und hatte für diese Zeit ihre Eltern, die auf einem Boot leben, zum Babysitten angeheuert. Die Eltern wurden von einem Sturm im Hafen festgehalten, die Tochter lief während desselben Sturms aus und absolvierte ihr Training. Bei einer weiteren Trimmfahrt raste sie im 20-Knoten-Schnitt über den Ärmelkanal und zurück, was mit einem Formel-1-Ritt über Kopfsteinpflaster vergleichbar ist. Ihre Crew beschänkte sich aufs Ausguckhalten, während sie Segel bediente, am Computer arbeitete und den Autopiloten justierte. Davies ist Ingenieurin, und sie kennt von ihrem Schiff jeden Schaltplan und jeden Bolzen.

 

Beim letzten Vendee kamen von 26 gestarteten Schiffen nur elf ins Ziel. Diesmal haben 20 Segler gemeldet. Wenn ein Dutzend ins Ziel kommt, wäre das bereits ein gutes Ergebnis.

 

SEGEL-Journal fragte in Paris Bernard Stamm (48) nach seinen Lehren aus dem letzten Rennen. „Ich werde nie wieder dem Rat von Leuten an Land folgen, wenn mir mein Gefühl was anderes sagt“, meint er. Der Schweizer war 2008/09 bei einem Notstop auf den Kerguelen gestrandet, den ihm die Regattaleitung eindringlich ans Herz gelegt hatte. Das Anlegemanöver an der sturmumtosten Mooring ging schief, weil ihn keiner erwartete. „Ich hätte den Sturm auf See abwettern sollen, meine Ruderreparatur hat ja gehalten.“

 

Beim Gespräch fünf Monate vor dem Start ist er angespannt. „Die anderen fahren vergleichbare Schiffe, trainieren gemeinsam und teilen ihre Erkenntnisse, ich muss mein Schiff allein schnell machen.“ Beim Transat Jacques Vabre im November war ihm nach einem Rumpfschaden das Schiff vollgelaufen, er musste abbrechen. Im selben Rennen fielen auch Vincent Riou (PRB) und Arnaud Bossier (Akena Verandas) mit Bruch aus. Bei Riou gab das Hauptschott nach, bei Bossier der Mast. Stamm glaubt, dass sein Juan-K-Design jetzt auf der Vendée nicht kaputtzukriegen ist.

 

Doch das ist das Problem der rasenden Kisten: Und wenn sie noch so gut gebaut sind, man kann sie zerstören. Wenn neun Tonnen aus einer Welle heraus ins Wellental krachen, kommt es zu explodionsartigen Belastungen, gegen die der Konstrukteur kein Mittel hat, wenn er das Boot nicht zu schwer machen oder ihm seine Gleitfähigkeit nehmen will.

 

Es sind nur wenige Büros, die schnelle und leistungsfähige Open 60s zeichnen. Juan Kouyoumdjian ist wegen seiner Volvo-70-Erfahrungen ein gefragter Mann. Owen Clarke Design hat schnelle Schiffe gezeichnet, die aber vom Pech verfolgt waren. Kito de Pavant (51) wollte, entgegen dem Trend, ein leichtes, eher schmales Schiff. Seine Groupe Belwurde von Van Peteghem und Lauriot Prévost (VPLP) entwickelt, die für leichte Multihulls bekannt sind und mit dem Open-60-Experten Guillaume Verdier zusammenarbeiten. Mehrere Schiffe stammen von Bruce Farr.

 

Wer wird ins Ziel kommen, wer wird zum strahlenden, wer zum tragischen Helden? Alle sind gute Seeleute, alle zähe Regattasegler. Vincent Riou rettete beim letzten Mal seinen bei Kap Hoorn gekenterten Freund Jean le Cam, den er vier Jahre zuvor im Ziel auf Platz 2 verwiesen hatte. Bei dem Manöver verlor er den Mast, die Regattaleitung gab ihm den 3. Platz, der seiner Position bei Kap Hoorn entsprach. Marc Guillemot verlor kurz vorm Ziel seinen Kiel und segelte seine Safran bei Flaute mit gerefftem Groß auf den dritten Platz – zum Kummer von Sam Davies.

 

Beim Vendée Globe muss soviel wie möglich aus den Fehlern anderer lernen. Samantha Davies hat sich für ihre acht Jahre alte und 9 Tonnen schwere Savéol einen ultrastarken Kiel bei Thyssen-Krupp schweißen lassen.

"Von Qingdao nach New York"

Hans-Harald Schack (63) segelt und ist Journalist. Er schreibt Magazin-Reportagen und Bücher. 2014 nahm er am Clipper Round The World Race teil. Die Reise führte von China  nach San Francisco und durch den Panama-Kanal in den Atlantik. Sein Web-Log und Reportagen darüber gibt es als e-Book: "Von Qingdao nach New York".