Della Parsons über den Weg zum Clipper Round the World Race

"Du musst den ersten Schritt tun"

Della Parsons (53) heuert als recruiting manager die Crews für das Clipper Round The World Race an. Dieses Rennen führt alle zwei Jahre in acht Etappen um die Welt, zusammen über 40.000 Meilen. Die Crews setzen sich aus fast 700 Amateuren zusammen, die aus rund vierzig Nationen in aller Welt stammen. Ihre Bewerbungen gehen über  Della Parsons Tisch. Nach dem ersten Kontakt – meistens online, manchmal bei Regattazwischenstops oder auf Bootsmessen – verabredet sie mit jedem Bewerber ein erstes „Interview“. Wir sprachen mit ihr auf der „boot“ 2020 in Düsseldorf.

 

Della, wie hast du vom Clipper Race erfahren, bevor du selber an Bord gegangen bist?

Ich habe 2007 für die lokale Redaktion der BBC in East Yorkshire gearbeitet, als die Flotte nach Hull segelte und die Stadt als Start- und Zielort für das Rennen 2009/10 bekannt gegeben wurde. Wir haben danach noch viele Radio- und Fernsehberichte gemacht, aber es hat lange gedauert, bis mir klar wurde, dass ich selbst, eine Nicht-Seglerin, mich ernsthaft für dieses Rennen bewerben könnte.

 Und dann hast du dich beworben und 2009/10 teilgenommen?

Ja, und zwar als Round-the-Worlder, also für alle Etappen. Mein Schiff war dann „Hull & Humber“.

 Wie war das erste Training an Bord?

Ich kam unter Deck und hatte diesen Geruch von Diesel, Bilge und angeschimmeltem Ölzeug in der Nase – der Horror! Ich habe gedacht, das halte ich keine Woche aus, geschweige denn eine Etappe. Nach einer Stunde habe ich’s nicht mehr gemerkt. Wir waren eine tolle Trainings-Crew, ich habe sehr viel gelernt und mich in das Segeln verliebt. Auf der Heimfahrt nach diesem ersten Training war mir klar, dass ich das ganze Rennen mitmachen will. Ich hatte nämlich zuerst nur für eine Etappe angeheuert, die letzte Etappe über den Atlantik.

 Du kennst zwei Generationen von Clippern…

 …sogar alle drei. Unser erstes Training fand auf 60-Füßern statt, meiner war „Black Adder“. Die nächsten Trainings und das Rennen selbst fanden mit dem damals neuen Clipper 68 statt. 

 Wie ist der Unterschied zu den aktuellen Booten?

 Auf dem 68 – den hast du ja in deinem ersten Training auch kennenglernt – schliefen wir im Vorschiff hinter Duschvorhängen, damit wir bei Segelwechseln in unseren Schlafsäcken nicht so nass wurden. Das ist auf den jetzigen Schiffen mit den Kojen achtern natürlich sehr viel besser. Und die 70er sind schneller.

Hattest du danach Lust, noch ein zweites Mal teilzunehmen?

Es kam viel besser. Clipper hat mich für das Rennen 2011/12 angeheuert, um einen Dokumentarfilm zu drehen. Da habe nicht ich bezahlt, ich wurde bezahlt.

Wie hast du dich auf dein erstes Rennen vorbereitet?

Ich habe mein Haus renoviert, damit ich es für die Dauer der Reise vermieten konnte. Dann musste ich das eigentliche Rennen und ein Jahr Urlaub finanzieren…

Das Vermieten hat wohl nicht gereicht…

Nein, aber die Hypothek war damit gedeckt. Ich habe dann mein Renovierungsbudget fürs Haus halbiert und mein Auto und alles verkauft, was ich nicht brauchte. Da ich außerdem für drei Charity-Organisationen aktiv war, habe ich auch noch einen Sponsor gefunden, der einen Zuschuss gab.

Und die sonstige Vorbereitung?

Außerdem musste ich mich physisch fit machen. Glücklicherweise war die Renovierung des Hauses mit reichlich körperlicher Arbeit verbunden, das war ganz hilfreich. Außerdem habe ich auf dem Crosstrainer Kraft und Ausdauer trainiert. Ich sage den Leuten immer, je fitter du bist, desto mehr genießt du später das Segeln.

Hast du systematisch gelernt?

Ja klar, Knoten geübt, die Manöver in den Trainingsunterlagen studiert, soviel Zeit wie möglich auf dem Wasser verbracht.

Was ist das Wichtigste?

Der erste Schritt, die Entscheidung. Man muss sich fragen: will ich das? Und dann selber aktiv werden. Entweder fragt man Leute wie mich oder andere, die das Rennen kennen, oder man bewirbt sich einfach, und sieht, was passiert. Ich habe mich damals Monate lang gefragt, ob das Rennen wirklich was für Leute wie mich ist, und ob man mich ohne alle Segelerfahrung nehmen würde.

Heute wirbt Clipper mit „No experience required“, keine Erfahrung erforderlich…

Um eine Hemmschwelle zu überwinden. Man kann später immer noch jederzeit zu dem Schluss kommen, nein, das ist doch nichts für mich. Auch dafür ist das Training da, nicht nur zum Segelnlernen. Aber wenn man es nicht versucht, erfährt man nie, ob es nicht das Richtige gewesen wäre.

Du selbst warst damals mit 42 Jahren absolute Anfängerin. Wie ging es weiter?

Ich habe es eben von der Pike auf gelernt. Das Training ist sehr strukturiert, die Skipper und ihre mates – die ebenfalls vollwertige Skipper sind – sind erfahrene Ausbilder und ziemlich geduldig. Erst lernt man das Segeln auf dem offenen Meer, dann das Regattasegeln. Das Wichtigste ist, dass man lernt, alles sicher zu tun. Das wird hundertfach geübt, damit es in Fleisch und Blut übergeht.

Wie entwickelte sich eure Crew nach dem Start?

Wir waren am Anfang etwas nervös, weil dies jetzt das echte Rennen war, aber das hat sich gegeben. Wir wuchsen zusammen. Man lernt Tag für Tag weiter und entwickelt seine skills.

Hast du heute einen Segelschein?

Ich habe später den Yachtmaster Offshore gemacht, mit dem Zusatz für gewerbliche Yachten, danach den theoretischen Yachtmaster Ocean und die Lizenz als Cruising Ausbilderin.

Wann kam dir die Idee, so weiterzumachen?

Ich glaube, schon während des Rennens. Piers Dudin, unser Skipper, hat uns alle gelegentlich als Wachführer eingesetzt, sodass ich nach ein paar Wochen eine Art Wachführer-Praktikum hatte. Ich habe mich nicht sehr wohl dabei gefühlt, weil ich noch nicht genug Selbstvertrauen hatte und es an Bord andere mit viel mehr Segelerfahrung gab.

Nicht gerade das, was man sich als Führungskraft wünscht.

Ich habe auf diese Weise aber gemerkt, was ich kann und was nicht. Ein paar Etappen später fühlte ich mich fit, es nochmal zu versuchen, und ich war erstaunt, was ich inzwischen alles gelernt hatte. Wir hatten als Wachführer eine Menge zu tun, bei Flaute das Boot am Laufen halten, bei squalls blitzschnell reffen, navigieren, auf die Sicherheit und das Wohlbefinden der Crew achten… ich war am Ende stolz darauf, was ich seit dem Beginn des Trainings alles gelernt hatte.

Das Rennen 2019/20 erreicht demnächst die Philippinen, wie läuft es mit den Bewerbungen für das nächste Rennen?

Ziemlich gut, das Rennen ist – wenn man von insgesamt 700 Teilnehmern ausgeht – schon zu einem Drittel voll, darunter ein knappes Drittel Frauen. Ich würde mich freuen, wenn sich noch mehr Frauen bewerben. Wir hatten in Düsseldorf vierzehn Bewerber-Interviews und sehr viele gute Gespräche.

Dieses noch gar nicht mitgerechnet. Della, wir bedanken uns für dieses Gespräch!

 

*

 

Das Rennen 2019/20 wurde kurz nach diesem Interview durch das in China grassierende Corona-Virus unterbrochen. Die Häfen Sanya und Zhuhai mussten aus dem Programm gestrichen werden. Die Flotte verlängerte ihren Aufenthalt in Subic Bay (Philippinen), segelte dann ein Rund-Rennen zur japanischen Ryukyu-Inselgruppe und zurück. Danach standen für Etappe 6 drei Optionen zur Wahl: Start in Subic Bay nach a) Qingdao (Nordchina), b) Südkorea oder c) Yokohama (Japan), Ziel planmäßig in Seattle

(Stand: 18. Februar)

 

Drei Generationen Clipper

Clipper 60 (Foto: Clipper Ventures)

 

Clipper 68

Foto: Clipper Ventures

Clipper 70

Foto: Clipper Ventures