VSaW Berlin

Das Seglerhaus am Wannsee, Clubhaus des gleichnamigen Vereins, wird im August 2010 hundert Jahre alt. Wir finden das Gebäude so eindrucksvoll wie den Berliner Verein. Film ab!

 

 

Das Seglerhaus am Wannsee

oder: Wie ein Berliner Verein Geschichte schreibt, in dem es eigentlich nur Sport geht

Der „Verein Seglerhaus am Wannsee“ ist der zweitälteste Segelverein Deutschlands (nach dem Königsberger „Rhe“ von 1855, der heute in Hamburg sitzt). Abkürzungen wirken optisch manchmal etwas sperrig, aber wenn man ein paarmal VSaW gesagt hat, gehen einem die vier Buchstaben so locker über die Lippen wie „Schloss Charlottenburg“. Und der Name ist Programm. Es ist kein patriotischer und kein sportlich-idealistischer Name ­- kein Preußen, kein Concordia, kein Ahoi. Der Name ist präzise und pragmatisch. Was für ein Objekt? Ein Haus für Segler, Herr Amtsrat. Wo? Am Wannsee in der Nähe der Villenkolonie „Alsen“, aus der später einmal der Ort Wannsee werden soll. Gesellschaftsform? Ein Verein, im weitesten Sinne gemeinnützig.

 

Man könnte einen hübschen Film drehen, „Das Seglerhaus am Wannsee“, mit Berliner Schnauze und märkischem Kolorit. Ein Film hingegen mit dem Titel „Der Verein Seglerhaus am Wannsee“ ist undenkbar. Der Name ist zu cool.

 

Der Verein wurde 1867 als „Gesellschaft der vereinigten Segler der Unterhavel“ gegründet, der heutige Name entstand erst vierzehn Jahre später. Drei Yachten der Unterhavel-Segler waren im Schlepp eines kleinen Dampfers zu einer Regatta nach Neuruppin gereist. Die Neuruppiner hatten ein schönes Vereinshaus, sowas wollten die Berliner auch. Sie beschlossen, am Wannsee, einer Ausbuchtung der Unterhavel, ein Grundstück zu erwerben und gaben sich einen neuen Namen. Wenn man’s genau nimmt, könnte man sagen, dass sich sieben Wannsee-Segler, genannt „die lustigen Sieben“, nach ein paar Unstimmigkeiten von der Unterhavel-Gesellschaft abgesetzt haben. Die Segler vom Wannsee und die Vereinsbrüder aus dem nördlicheren Teil der Unterhavel besuchten sich immer seltener, 1881 schließlich mutierte der südliche Teil des Havel-Klubs zum VSaW, dem der DSV später das Gründungsjahr 1867 attestierte.

 

Wilhelm Conrad, Wortführer der Wannseer Villen-Kolonie, erkannte: „Wir müssen uns einen gemeinsamen Grundbesitz schaffen, der unsere Mitglieder zusammenhält.“ Die Gründungsmitglieder zahlten je 100 Thaler ein, kauften das heutige Grundstück und errichteten ihr erstes Vereinsheim. Es war eine geschenkte alte Scheune vom Griebnitzsee bei Neubabelsberg. Sie brachen sie ab und bauten sie am Wannsee wieder auf.

 

Der Verein gedieh. Jedes neue Mitglied zahlte künftig einen Thaler Eintrittsgeld, das dem unantastbaren Vermögen des Vereins zugefügt wurde. Der Vorstand konnte aus den laufenden Einnahmen ohne Abstimmung über bis zu 3 Thaler verfügen. Der Kassenwart trug die Buchführung des Vereins stets in der linken Brusttasche mit sich herum. Wenn mal Geld fehlte, zahlte er es aus seinem privaten porte monnaie dazu.

 

Dies war der Keim des heutigen Vereins.

 

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Die Gesellschaftsform des Vereins war bis vor kurzem eine besondere: kein herkömmlicher eingetragner Verein (e.V.), sondern eine durch königliche Verleihung 1893 zur juristischen Person gestaltete Gesellschaft. Das Seglerhaus, das heute am Ufer des Wannsees steht, war ein Art Segler-Hotel. Denn der Wannsee lag damals „jott-we-de“, janz weit draußen vor den Toren Berlins. Er lag natürlich da, wo er auch heute noch liegt, aber die aufstrebende Industriestadt hatte um 1870 nur 700 000 Einwohner (dreißig Jahre später zwei Millionen) und war auf die heutigen Innenstadtbezirke begrenzt. Mit dem Pferdeomnibus kam man zunächst bis Zehlendorf, von dort ging es mit Droschke, Fuhrwerk oder einem einstündigen Fußmarsch an den Wannsee. Wer dort segeln wollte, brauchte entweder eine größere „Yacht“, auf der er schlafen konnte, oder eine Unterkunft.

 

Vorbild in der Neuen Welt

 

Clubmitglieder, die in den USA gesegelt waren, berichteten von dort wie aus dem Paradies. VSaW-Kommodore Otto Protzen, 50 Jahre lang die beherrschende Figur des Vereins, schrieb begeistert über seinen Besuch in der Neuen Welt: „Das Klubhaus des Eastern Yacht Club ist eine ideale Anlage. Um den gemütlichen Kamin herum ist eine reichhaltige Bibliothek untergebracht, während bequeme Klubsessel zum behaglichen Verweilen einladen.“ Neben der technischen Ausstattung für den Segelbetrieb beeindruckte den Berliner, dass es allein auf seiner Etage vier Stewards gab und die ganze Anlage bis hinaus auf die Anlegebrücken elektrisch beleuchtet war.

 

Die Wannsee-Segler beschlossen daraufhin, sich ein zeitgemäßes Clubhaus zu bauen. Der Verein hatte Architekten, Handwerker und Bankiers in seinen Reihen, trotzdem wurde Geld gebraucht. In der Kasse waren 28 000 Mark, weitere 55 000 Mark zeichneten die Mitglieder als Anteile – der Verein war ja in seinem Kern ein Wirtschaftsbetrieb. „Ältere Mitglieder“ gaben 150 000 Mark als Hypothek, insgesamt 100 000 Mark stellte die übrigen Mitglieder als Darlehen. Der Bau, der entstand, war das Ergebnis eines Architekten-Wettbewerbs. Am Ende wurden die Entwürfe von Otto Stahn und Regierungsbaumeister Otto Berlich, die die meiste Zustimmung gefunden hatten, miteinander verschmolzen. Klubräume und und eine große Terasse lagen über den Umkleiden, Bootslagern und Technikräumen, die das unterste Geschoss am Wasser einnahmen. Das große Kaminzimmer könnte einer englischen Burg entliehen sein. 25 Wohn- und Schlafzimmer, und ein Schlafsaal für acht Personen gab es im Haus, „Brause“, Toilette und Wannenbad auf jeder Etage. 1909 wurde der Bauauftrag erteilt, 1910 im August war das Gebäude fertig.

 

Es ist das Seglerhaus, das heute den VSaW beherbergt, Adresse: Am Großen Wannsee 22-26, 14109 Berlin. Die sanitären Einrichtungen und die elektrische Beleuchtung sind noch erweitert worden.

 

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„Haben Sie Rolf Bähr gesehen?“ fragt der Journalist zwei Männer, die gerade das Vereinsgelände verlassen. „Den Hausmeister? Der war gerade noch da drüben“, sagt der eine. „Mann, das ist nicht der Hausmeister, der ist Ehrenvorsitzender und so“, meint der andere. Er kommt damit der Wahrheit schon näher. Das Hausmeisterehepaar Shah hält das Gebäude und Anwesen perfekt in Schuss. VsaW-Mitglied Rolf Bähr (71) ist DSV-Präsidenten, war fünfmal Tempest-Weltmeister und einmal Europameister, hatte sich für 1980 mit Willy Kuhweide im Soling für Olympia qualifiziert, war Vorsitzender der 26 Segelvereine des Bezirks Wannsee im Berliner Seglerverband und macht noch so einiges andere. Er vertritt die Segler auf dem bayerischen Waginger See, die sich von den Fischern in ihrer Bewegungsfreiheit übermäßig eingeschränkt sehen. Er hat früher DDR-Bürgern, die nicht auf den Fall der Mauer warten wollten, bei der Flucht in den Westen geholfen. Wenn er nicht segelt oder den DSV vertritt, ist er in der Filmbranche aktiv. Nur Ehrenvorsitzender des VSaW ist er nicht.

 

Wir treffen uns in der „Raubritter“-Bar des Clubs (Raubritter kassierten früher Schutzgelder und andere Beiträge im Bereich der Havel-Übergänge). Es ist nicht viel los in der Bar, in der ein prächtiges Gemälde von Johannes Holst hängt, dem bekanntesten deutschen Marinemaler. Es zeigt die 5-Mast-Bark „Potosi“ auf hoher See, den Stolz der deutschen Handelsschiffahrt vor hundert Jahren. Vor dem Haus tummeln sich hundert Optikinder und -eltern. „Gucken Sie sich das an“, sagt Bähr, „so viele Kinder an einem Dienstagabend!“ Ein Dutzend größere Jugendliche sind dabei, Boote auf Trailer zu packen. Wenn die Kinder in den Stimmbruch kommen, meint Bähr, müsse man ihnen bereits alles mitgegeben haben, was das Segeln im Verein ausmacht. Sonst sind sie für den späteren Leistungssegelsport verloren.

 

Jugendarbeit betreiben, mehr oder minder erfolgreich, viele Vereine. Beim VSaW ist man entschlossen, es so erfolgreich wie möglich zu machen. Die Jugendabteilung ist seit 1916 ein Verein im Verein, die „Wannseeaten“. Unter dem jetztigen Jugendleiter stieg die Zahl der Jungen und Mädchen von 120 auf 190. Darauf sind sie stolz.

 

Der Sport geht vor

 

Es gibt noch einiges mehr, worauf sie stolz sein können. Der VSaW war immer ein moderner Verein. Er war ein Regattaverein, in dem Otto Protzens Prosa und den Booten bereits „Najaden“ und „Nixen“ entstiegen, als anderswo nur reines Herrensegeln gepflegt wurde. Der Verein blieb immer dem Regattasport verpflichtet. Es wurde mit schnellen „Flundern“ und Sonderklasse-Yachten gesegelt. Die Fahrtensegelei fand damals nur am Rande steht.

Seglerhaus, VSaW-Mann Rolf Bähr
Seglerhaus, VSaW-Mann Rolf Bähr

Der VSaW richtet gemeinsam mit dem Kieler Yacht Club, dem Norddeutschen Regattaverein und dem Hamburger Segel-Club die Kieler Woche aus. Die „Wannsee“ gewann 1936 Deutschlands erste Gold-Medaille im Starboot, VSaW-Legende Willy Kuhweide 1964 die nächste Goldene im Finn. Aus dem Verein kommen unzählige Welt-, Europa- und nationale Meister. Das ist Stimulanz für Neuzugänge. Der 1. Vorsitzende, Dr. Andreas Pochhammer, legt Wert darauf, dass der Verein niemals anderen Vereinen ihre erfolgreichen Segler abwerbe, diese aber oft angeklopft hätten, ob sie nicht beim VSaW segeln könnten.

 

Stolz können sie auf ein paar Zentner Silber sein, die sich die VSaW-Mitglieder im Lauf von knapp eineinhalb Jahrhunderten ersegelt haben.

 

Die Chroniken des Vereins sind lückenlos vorhanden und frei von Hakenkreuzen und Nazi-Getön seien. Rolf Bähr befasst sich mit der Historie des deutschen Segelsports und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die VSaW-Mitglieder gegen die braune Pest resistenter waren als andere, wenn auch nicht völlig resistent. So durfte die Tochter des Wörterbuchverlegers Langenscheidt ihr Boot nicht beim VSaW anlegen, weil sie mit einem Halbjuden verheiratet war. Mitlieder, die Juden waren oder Juden halfen, wurden im Verein „ausgegrenzt und missachtet“, ist auf der Webseite der Gedenkstätte „Haus der Wannseekonferenz“ zu lesen. (Es ist natürlich nur ein Zufall, aber in einer Villa ein paar Grundstücke weiter wurde in der heute so genannten „Wannsee-Konferenz“ der organsierte Massenmord an den Juden beschlossen.) Aber auch die Oppostion gegen die Nazis wurzelte im Verein. Werner von Haeften, Junior-Mitglied des VSaW, wurde als einer der Hitler-Attentäter 1944 im Bendler-Block hingerichtet.

 

Die Außenmauer des Gebäudes zieren Namen. Es sind Schiffsnamen wie Nixe und Wannsee, Ette, Melusine und Uarda, und nicht die Namen von erfolgreichen Steuerleuten oder Eignern. „Es geht hier um Sport, nicht um persönliche Eitelkeiten“, sagt Rolf Bähr und lässt seinen Blick zufrieden über Wasser und Stege schweifen. Ein kleines Mädchen zerrt seinen Opti die Slipbahn hoch. Wir gehen durch einen schmalen Flur und verlassen das Gebäude duch den Lieferanteneingang.

 

(SEGEL-Journal 04/10)

 

 

"Von Qingdao nach New York"

Hans-Harald Schack (63) segelt und ist Journalist. Er schreibt Magazin-Reportagen und Bücher. 2014 nahm er am Clipper Round The World Race teil. Die Reise führte von China  nach San Francisco und durch den Panama-Kanal in den Atlantik. Sein Web-Log und Reportagen darüber gibt es als e-Book: "Von Qingdao nach New York".