Glashütte - Chronometer aus Deutschland

Die Mutter aller Chronometer, die H4
Die Mutter aller Chronometer, die H4

Von Hans-Harald Schack

 

Warum haben Uhren für Seefahrer eine tiefere Bedeutung als für andere Zeit-Genossen? Uhren sind das greifbare Ergebnis eines universalen Erkenntnisprozesses. Mit ihnen findet der Seemann auf den Meeren des rotierenden Planeten seinen Weg.

 

In seiner „Post aus Hawaii“ berichtet Mark Twain über das Ende des Klippers „Hornet“ am 3. Mai 1866. Das Schiff geriet in Brand, die Crew flüchtete sich in drei Boote. Nach einigen Tagen trennten sie sich, nur eines der Boot erreichte nach 37 Tagen Hawaii. Der mehrere Kapitel umfassende Bericht enthält den lapidaren Satz: „Die Boote des Kapitäns und des 1. Offiziers hatten Chronometer.“ Das hieß: Sie konnten navigieren. Die Überlebenden hatten am Ende nichts mehr zu essen, sie kauten Schnürsenkel und das Oberleder ihrer Schuhe und zum Geburtstag des Kapitäns ein Stück Leinwand, in das einmal ein Stück Schinken eingewickelt war. Aber sie schrieben Logbuch, auf Geheiß des Kapitäns sollte dies bis zum letzten Überlebenden geführt und dann im Boot festgebunden werden. Und sie schützten ihr Chronometer vor Nässe und Stößen und zogen es täglich auf.

 

Das Chronometer der Navigatoren

 

Ein Chronometer ist eine sehr genau gehende, amtlich zertifizierte Uhr, die der Ortsbestimmung dient. Es ermöglicht dem Navigator, einen Punkt anzusteuern, ohne zunächst zu dessen Breitengrad zu segeln und sich von dort nach Ost oder West ans Ziel heran zu tasten. Wer seinen Ort im Koordinatensystem der Erde kennt, kann „schräge“ Kurse auf ein Ziel absetzen. Schmuggler, Kaufleute und Fregatten können direkt auf ihr Ziel zuhalten, Schiffbrüchige erkennen, dass sie an einer im Norden liegenden Inseln vorbei gedriftet sind und die nächste erreichbare Inselgruppe südlich von ihrem Kurs liegt. Bevor Funk- und Satellitennavigation aufkamen, entschieden Uhren über die Überlebensstrategie. Sie geben Antwort auf die Fragen: Wo genau sind wir (und nicht nur: auf welchem Breitengrad), und wo müssen wir hin?

 

Auf seiner ersten großen Entdeckungsreise, bei der er Australien, das von den Geographen vermutete Südland terra australis incognita entdeckte (und die „echte“ Antarktis verfehlte), hatte James Cook den Nachbau des ersten echten Chronometers an Bord. Er bezeichnete die „K2“, benannt nach ihrem Erbauer Larcum Kendall, als einen „verlässlichen Freund“. Die Wissenschaftsautorin Dava Sobel schrieb über die Erfindung des Chronometers ihren Bestseller „Längengrad“.

 

Von Greenwich nach Braunschweig...

 

In Greenwich bei London kann man das erste praxistaugliche Chronometer der Welt besichtigen, John Harrisons berühmte „H 4“. Greenwich lieferte bis in die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts den Bezugspunkt für das Koordinatensystem unserer Seekarten. Durch die Sternwarte verlief der Längengrad Null, und damit war die Zeit der Sternwarte, Greenwich Mean Time (GMT), auch die Zeit aller Navigatoren, die mit britischen Karten und Tafelwerken arbeiteten. Nur Zeit und Karte zusammen ergeben in der astronomischen Navigation Sinn. Die Greenwicher Astronomen lieferten auch die „Tafeln“ mit den in jahrzehntelangen Beobachtungen erarbeiteten astronomischen Daten. Mit diesen Tabellen konnten die Navigatoren ihre Messergebnisse nach einem einfachen Rechenschema in „Orte“ umwandeln.

 

Rein theoretisch ist es möglich, mit Hilfe astronomischer Beobachtungen und Formeln auch ohne die Kenntnis der genauen Zeit einen Ort zu ermitteln. Der Wettstreit zwischen Astronomen und Uhrmachern, wer den 1714 von der englischen Krone ausgesetzten Preis von 20.000 Pfund für ein zuverlässiges Navigationsverfahren bekommt, war der Streit zwischen „reiner“ und „zeitgestützter“ Astronomie.

 

Gewonnen hat das Verfahren mit der Uhr. Eine genaue Uhr nützt dem Navigator ohne astronomische Daten nichts (wenn man mal von terrestrischen Verfahren wie Koppelnavigation oder Vierstrich-Peilung absieht, für die man auch mit einer Stoppuhr auskommt). Sie nützt auch nichts, wenn man nicht weiß, welche Zeit sie anzeigt. Die Zeit von Greenwich, die heute Universal Time Coordinated heißt und aus Braunschweig kommt? Oder die Zeit von Berlin? Die Zeit von Glashütte?

 

... nach Glashütte

 

Etwa 30 Kilometer südlich von Dresden liegt Glashütte in Sachsen. Am Ortseingang grüßt ein Schild: „Hier lebt die Zeit“. An einem sozialistisch anmutenden Industriebau ein paar Meter weiter steht: „Nautische Instrumente, Mühle“. Hier werden Uhren für die Seenotretter und SAR-Flieger gebaut. Die berühmteste Uhrenmarke aus Glashütte ist „Lange“, Adolph Lange gilt als einer der Begründer der Glashütter Uhrenproduktion. Weniger bekannt ist, dass Lange, auf Wempe-Patenten basierend, auch das legendäre deutsche „Einheitschronometer“ für Militär und Seefahrt gebaut hat, Präzisionsuhren für die härtesten Einsatzbedingungen.

 

Erst vor drei Jahren aus dem westdeutschen Exil nach Glashütte heimgekehrt ins Erzgebirge ist der Uhrenhersteller „Tutima“. Tutima ist seit den 30er Jahren der Inbegriff für unverwüstliche Präszisionsuhren und baut heute nicht nur Chronographen für Segler sondern auch für die Kampfpiloten der Bundeswehr.

 

Glashütte ist in der Öffentlichkeit berühmt für Luxus- und Designeruhren (am bekanntesten die minimalistischen „Nomos“), in der Fachwelt jedoch für seine robusten und hochpräzisen Gebrauchsuhren und für die Veredelung von Industrieuhrwerken.

 

Rolex mag der Marktführer bei Armband-Chronometern sein. Omega, deren Speedmaster Astronauten auf den Mond und Tiefseetaucher auf den Meeresgrund begleitete, bezeichnet sich, ohne dass sich Widerspruch regt, als Hersteller „der besten in Serie gefertigten Uhrwerke“ der Welt. In Glashütte werden Serienuhrwerke auseinander genommen und mit selbstentwickelten Bauteilen versehen. Das macht diese Uhrwerke noch besser als die Serie, es hat aber einen in der Praxis eher unbedeutenden, für Puristen jedoch schwerwiegenden Nachteil: Werke, an denen deutsche Uhrmacher eine Wertschöpfung vorgenommen haben, bekommen kein Schweizer Chronometer-Zertifikat. Und in Deutschland wurden ab 1970 keine Armband-Chronometer mehr zertifiziert.

 

"Chronometer" made in Germany

 

Eine hervorragende Uhr ist eine hervorragende Uhr, aber ein Chronometer ist eine Uhr mit Prüfprotokoll, Datenblatt und Amtsstempel. Das gab es für deutsche Uhren nicht mehr, mochten sie noch so gut sein.

 

Die Lösung für dieses Problem findet sich in Glashütte, an dem Ort, an dem früher die Zeit „gemacht“ wurde.

 

Auf 50°50’52,05 Nord und 13° 47’14,13“ Ost steht ein Gebäude, das als Uhr gebaut wurde. Die Sternwarte von Glashütte wurde 1910 für die örtlichen Uhrmacher und Chronometerbauer errichtet, denen das telegrafische Zeitsignal der Berliner Sternwarte zu ungenau war. Natürlich produzierten auch die Berliner Astronomen eine genaue Zeit, aber mit deren elektrischer Übertragung haperte es.

 

„Hier stand damals das Durchgangsinstrument“, sagt Gunter Teuscher (48), Hausherr der Sternwarte. Er ist Uhrmacher, nicht Astronom, und empfängt die Besucher in einem kleinen Büro, in dem eine 34.000 Euro teure Präzisionspendeluhr an der Wand hängt. „Das Durchgangsinstrument war nur in der Horizontalachse beweglich, es wurde exakt auf einen Himmelsmeridian ausgerichtet. Wenn der Stern die Linie passierte, hatte man die Zeit, für geübte Beobachter etwa auf eine Zehntelsekunde genau.“ Als Referenzstern wurde ein Fixstern möglichst tief über dem Horizont gewählt, weil nahe dem Horizont die scheinbare Bewegung des Firmaments am schnellsten verläuft, Richtung Himmelspol geht sie gegen Null. Das Durchgangsinstrument hatte für die Sternguckerei also keinerlei Wert, denn man konnte keinen Stern damit „verfolgen“. Ein solches Instrument steht heute im Uhrenmuseum der Stadt Glashütte, zu dem Uhrenliebhaber aus aller Welt pilgern.

 

Die Glashütter Sternwarte, die früher als Zeitgeber für den Chronometerbau und erst in zweiter Linier als Ausguck ins All diente, ist heute wieder eine echte Sternwarte. Unter der kleinen Kuppel machen Amateurastronomen und Profis ihre Beobachtungen mit einem leistungsstarken, von einem Laptop gesteuerten Teleskop. Das Gebäude ist jetzt aber auch Prüflabor und Uhrmacherbetrieb – hier fertigt Wempe in modernen Werkstätten Chronometer made in Germany. Dass es dieses Zertifikat wieder gibt, ist die wichtigste Funktion der Anlage auf dem Berg über Glashütte. Wempe betreibt mit dem Segen des Sächsischen und des Thüringischen Eichamts das einzige deutsche Chronometer-Zertifizierungsinstitut. Gegenüber dem Schweizer Institut hat es den Vorteil, dass hier komplette Uhren in den Klimatresoren auf Herz und Nieren getestet werden, und nicht nur Werke, denen der Einbau ins Gehäuse noch bevorsteht.

 

Sind Chronometer nützlich?

 

Wempe ist den Flaneuren in deutschen Innenstädten als Juwelier bekannt, aber tatsächlich fertigt das Unternehmen seit 1938 auch Marinechronometer. Als sich nach dem Krieg die Ausrüstungsvorschriften für die Berufsschifffahrt änderten, entwickelte Wempe moderne Quarzchronometer und elektronische Borduhrensysteme. Die Restaurierung der Glashütter Sternwarte und die Einrichtung des Prüfinstituts in ihren Räumen ist, auch wenn sich’s wirtschaftlich lohnt, eher eine kulturelle, die Tradition bewahrende Leistung. Die Lehrwerkstatt hingegen ist eine Investition in die Zukunft, in die Zeit, die erst noch kommt. Glashütte ist das Mekka für eine neue Generation von Uhrmachern.

 

Brauchen heutige Segler Chronometer? Nein, denn die Navigationsgestirne von heute sind Satelliten, und die Zeit kennt das Bord-GPS. Trotzdem brauchen Segler zuverlässige Uhren.

 

Vor einigen Jahren strandete nachts vor Barbuda eine Yacht, die – Ironie des Schicksals – den Namen „Spacetime“ trug. Unterwegs waren Haupt- und Reserve-GPS ausgefallen, der Skipper konnte seinen Standort nicht mehr bestimmen. Mit Sextant, Tafeln und Chronometer wäre das Unglück vermeidbar gewesen. Anders als die Überlebenden der „Hornet“, hatten die Havaristen nur ein paar Meter bis zum rettenden Strand.

 

Lange-Taschenchronometer, eine sogenannte B-Uhr. Sie diente der Zeitmessung an Deck und dem "Zeitholen" im Hafen beim dortigen Hauptchronometer. Das in seinem Kasten kardanisch aufgehängte Schiffschronomter unter Deck (unten) wurde nicht von seinem Platz bewegt.

"Von Qingdao nach New York"

Hans-Harald Schack (63) segelt und ist Journalist. Er schreibt Magazin-Reportagen und Bücher. 2014 nahm er am Clipper Round The World Race teil. Die Reise führte von China  nach San Francisco und durch den Panama-Kanal in den Atlantik. Sein Web-Log und Reportagen darüber gibt es als e-Book: "Von Qingdao nach New York".